Max & Julius - Unabhängiges Würzburger Hochschulmagazin

20. Ausgabe von Max & Julius als pdf im "Ausgabenarchiv"


An Deiner Fakultät ist die aktuelle Max & Julius vergriffen? Oder der Hund hat Dein letztes Exemplar gefressen? Kein Problem. Im "Ausgabenarchiv" findest Du das komplette Heft Nr. 20 als pdf zum Download.

 

Schnitzel – Hitler – Gesellschaftsdiktat:

„Geschichten aus dem Wiener Wald“


Stell Dir vor, es ist Theater und jeder hört zu! Ach, was wäre das schön. Wir Kultursuchende hoffen doch stets, dass wir alles verstehen und nachvollziehen, was auf der Bühne passiert. Wenigstens das. Und wenn der Zuschauer dann noch gefesselt ist, gebannt vom magnetisierenden Spiel, ja, dann, dann haben Regisseur und Schauspieler wohl alles richtig gemacht.


 

So ging es mir und dem gefüllten „großen Saal“ der KHG am 7. Mai. Gespielt wurde „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth. Sieben Jahre bevor er in Österreich von einem Ast erschlagen wurde, schrieb er das Stück, das bis heute zu den meist gespielten Theaterstücken zählt. 1931 also, als der Autor sein Werk vollendet hatte, ächzte Europa unter wirtschaftlichen und psychischen Depressionen. Wenig betraf das allerdings die besser Betuchten in Wien. Diese versuchten ihre Töchter im Sinne von Gesellschaft und dem Portemonnaie in mindestens ebenbürtigen Familien hochzeitlich zu parken.

 

Genau das versucht der „Zauberkönig“ (Jonas Kempf), der Vater der schönen Marianne (Angelina Gerhardt). Doch das „süße Wiener Mädel“ will gar nicht den auserwählten Fleischhauer Oskar (Florian Lußem) heiraten. Sehr viel mehr bevorzugt sie den Gigolo Alfred (Joseph Bongartz), der ihr fortwährend Offerten macht. Also verlässt sie die gutbürgerliche Absicherung und begibt sich in die Hände des wenig solventen Hallodri. Weg aus ihrer alten Heimat zieht Marianne nun in eine wenig einladende Absteige, wo sie auch ihr neugeborenes Kind versorgen wird. Verstoßen von Eltern und Gesellschaft muss sie mit ansehen, wie ihr Alfred das Kind in Richtung dessen Mutter abschiebt. Was folgt, sind menschliche Abgründe, die sich kein Zuschauer hätte ausmalen können.

 

Regisseur Andreas Moser hat so ziemlich alles richtig gemacht. Ein mitreisendes, modernes Drama, das dialogstark den moralischen Verfall der „Wiener Gemütlichkeit“ beschreibt. Doch wirklich gemütlich waren allenfalls die Sitzgarnituren. Denn zwischen Erzkonservatismus, Hitlertreue und Melange bei Sonnenschein tut sich eine Gesellschaft auf, die alles daran setzt, die herrschende und verkommene Hegemonie aufrecht zu erhalten. Das Stück möchte im Gewand eines Wiener Lustspiels das Opfer anprangern, welches die Gesellschaft selbst zu verschulden hatte: Die Frau. Frau sein heißt Hörigkeit. Dem Vater, dem Vermalten und den Erwartungen der ganzen Stadt. Ein bisschen was von diesem frauenfeindlichen Geist dürften Chauvinisten auch heute noch in sich tragen. Sie mögen sich das Stück ansehen.

 

Einziger kleiner Kritikpunkt an die Regie: Mehr als 90 Minuten ohne Pause und Polster tun weh. Selbst wenn die Vorstellung so packend ist, wie es in der Premiere war, schmerzt dann doch irgendwann das Gesäß. Ich habe drei Stellen gezählt, wo eine Pause ohne Probleme möglich gewesen wäre. Schade um mein Wertestes, doch nicht schade um das Stück. Denn das war fabelhaft, genauso wie alle Akteure, die daran beteiligt waren. Auf, dass sich diese Art von Theaterunterhaltung in der Szene weiterhin durchsetzen wird. Großes Lob an alle Beteiligten.

 

 

 

 

 

Text: Julian Plutz

 

 

Studieren ist Stress – aber machbar


Viele Studenten verbinden mit ihrem Studium in erster Linie eines: Stress. Das ist das Ergebnis einer Befragung des HIS-Instituts für Hochschulforschung über Probleme und Belastungen von 4000 Bachelorstudenten. Ein kleiner Einblick in die Datenlage.


International vergleichbare Studienabschlüsse, ECTS-Punkte, Bologna-Prozess – das steht auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stehen zunehmend: Überlastung, Stress, mangelnde Flexibilität, die atemlose Jagd nach Credit-Points. Wer jetzt schon resigniert aufhören möchte zu lesen sei beruhigt: nichtsdestotrotz macht 70% der Studenten ihr Studium viel oder sehr viel Spaß und 90 % sind überzeugt, mit ein bisschen Bemühen auch schwierige Hürden meistern zu können.

 

 

Das Studium als Hauptstressor

 

Unter den Problemen eines Studenten steht das Studium hoch im Ranking: für 25,6% ist es der einzige belastende Faktor in ihrer aktuellen Lebenssituation, 41,5% sind Stress innerhalb und außerhalb des Studiums ausgesetzt. 20 % der Studenten zweifeln des Öfteren am Sinn ihres Studiums, überdurchschnittlich viele davon sind Sprach-, Kultur- und Sportwissenschaftler. Ist Studieren wirklich so schrecklich? Gott sei Dank wohl doch nicht: 70 % bereitet ihr Studium Freude – und doch sind nur 30% „rundum zufrieden“.

 

 

Wenige Freiheiten, hohe Ansprüche

 

Was verdirbt den Studenten die Lust am Unialltag? 57 % wünschen sich mehr individuelle Wahlmöglichkeiten, 53% leiden unter den starren Studienplänen. Außerdem ist das Anforderungsniveau hoch: 39% fühlen sich ständig gefordert und können kaum zur Ruhe kommen. Zeitnot, Leistungsdruck, Überforderung und – vor allem bei weiblichen Studierenden – Zukunftsängste machen den Studenten zu schaffen. Ein kleiner Lichtblick für Studienanfänger: Studenten jenseits des 7. Semesters gaben an, mit den Inhalten und Erwartungen besser fertig zu werden.

 

 

Gesunder Optimismus und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

 

Stress scheint untrennbar mit dem Alltag der meisten Studenten verbunden zu sein, doch ist er meist eher lästige Begleiterscheinung als ernsthaftes Problem. 90% sind der Meinung, auch schwierigen Aufgaben gewachsen zu sein, 78% sind sich sicher, dass sie ihr Studium erfolgreich abschließen werden.

 

 

Ablenkung und Stressbewältigungsstrategien

 

Wie gehen die Studenten mit den Belastungen des Alltags um? Zum einen widmen sie sich zum Ausgleich angenehmen Aktivitäten: Freunde treffen, Sport, Schlaf, Medienkonsum, Entspannung. Daneben suchen sie Bewältigungsstrategien (20%), fragen Angehörige um Rat (58%) oder nehmen professionelle Hilfe in Anspruch (10%). Frauen bemühen sich stärker um Unterstützung, Männer verschaffen sich hingegen gerne auf anderen Gebieten Anerkennung.

 

 

Stressauslöser Finanzen, Freizeit, Freunde

 

Dass das Studium die meisten Studenten erheblich strapaziert ist mittlerweile wohl deutlich geworden. Daneben erleben 41% ihre finanzielle oder Arbeitssituation als angespannt, aber auch Freizeit (40%), Partnerschaft (32%) und soziale Kontakte (25%) werden als stressig empfunden. Woher der Stress nun auch kommt, 49% der Studenten fühlen sich durch ihn in ihren Studienleistungen eingeschränkt.

 

 

Weiter, oder…?

 

Alles in allem scheinen doch die allermeisten Studenten mit Hochschule und Fach zufrieden zu sein: nur eine Minderheit denkt ernsthaft darüber nach ihr Hauptfach (4%) oder die Uni (8%) zu wechseln oder das Studium aufzugeben (5%). Vor allem Männer und Studierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften scheinen solche Erwägungen anzustellen. Und um noch ein Klischee zu bedienen: Männer sind übrigens auch öfter mit der Regelstudienzeit in Verzug …

 


Erschöpfung, Ängste, Depression

 

Bezüglich der seelischen Belastung der Studenten liefert die Studie teilweise erschreckende Ergebnisse: Erschöpfung, Überforderungsgefühle, psychosomatische Beschwerden (z.B. Muskelverspannungen oder Schlafprobleme durch seelische Anspannung) und Ängste plagen rund 40% der Studenten. Seltener sind depressive Verstimmungen und Identitäts- oder Selbstwertprobleme. Studenten der Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften sollen häufiger unter Ängsten leiden und Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler überdurchschnittlich oft depressiv gestimmt sein.

 


Beratung – ja oder nein?

 

Etwa 75% der Studenten nimmt im Laufe des Studiums zumindest ein Beratungs- oder Informationsangebot der Hochschule in Anspruch. Am ehesten ist professionelle Hilfe bei psychosomatischen Problemen, Lern- und Leistungsstörungen, Studienabschlussproblemen oder „sachlichen Themen“ wie Versicherungen oder Studienfinanzierung denkbar – dagegen nur kaum bei Sucht oder Schwierigkeiten im sozialen Umfeld. Die Dienste haben einen allgemein relativ niedrigen Bekanntheitsgrad - vor allem männlichen Studenten waren zahlreiche Einrichtungen unbekannt. Frauen nehmen häufiger als Männer psychologische Beratung wahr, Männer dagegen Studienfachberatung. Am wenigsten Hilfe brauchen dabei Ingenieure. Männer fürchten öfters „als krank abgestempelt“ zu werden oder geben an, „solche Hilfe nicht zu benötigen“, Frauen greifen anstatt auf professionelle Unterstützung zunächst lieber auf ihr soziales Netzwerk zurück.

 

Fazit: „Ein Student ist ein Zustand mit ungewisser Erfüllung…“ (Dietrich Goldschmidt, Soziologe) … doch solange das Gegenteil nicht sicher bewiesen ist, glauben wir das alles gut wird!

 

 

 

 

 

7 von 10 Studenten macht ihr Studium Spaß

 

 

 

 

Zeitnot, Leistungsdruck, Überforderung, Zukunftsängste: die Schreckgespenster der Studenten

 

 

 

Text und Fotos: Charlotte Auth

 

Maschikuliturm und Kasematte – in den Geheimgängen der Festung Marienberg


Auf dem Marienberg mit der Festung, dem Wahrzeichen Würzburgs, war vermutlich jeder schon einmal – doch nur wenige kennen das Netz aus jahrhundertealten Gängen und Wehranlagen, die zum Teil erschlossen und Besuchern zugänglich sind.


Ostersonntag, Ostermontag, Pfingstsonntag, Pfingstmontag, 1. Mai, 15. August, 3. Oktober – wer plant, sich in einmal in den Wehrgängen der Festung Marienberg umzuschauen, sollte sich diese Daten merken: nur dann sind Maschikuliturm und Kasematte für Besucher geöffnet. Maschikuliturm? Kasematte? Der Maschikuliturm, ein Wehrturm an der Südflanke des Marienbergs, wurde 1724-1729 von Balthasar Neumann – auch Bauherr der Residenz - errichtet. Seinen zungenbrecherischen Namen verdankt der Turm den vergitterten Öffnungen, durch die die Verteidiger Steine, siedendes Wasser, Pech (oder was sie sonst zur Verfügung hatten) auf Angreifer abwerfen konnten, um diese in die Flucht zu schlagen oder eine Belagerung zu verhindern. Daneben dienten die Maschikulis auch als „Toiletten“. Die Kasematte ist ein 200 Meter langer, teilweise unterirdisch verlaufender Gang, der den Maschikuliturm mit der Festung verbindet. Sie ist der einzige dem Publikum zugängliche Teil eines weitläufigen Gangsystems, das den Marienberg untertunnelt. Dieses geheime Netz ist nicht vollständig erschlossen, große Teile mussten wegen Einsturzgefahr gesperrt und nachträglich zugemauert werden. Ursprünglich reichten die unterirdischen Wege bis in die Stadt hinab und dienten in Zeiten der Belagerung als geheime Flucht- und Versorgungswege oder Schießpulverarsenale. Wenn man sich in die Bastionsanlage begibt, fühlt man sich gleich in eine andere Zeit versetzt – durch die steinernen Gewölbe pfeift ein eisiger Wind, die meterdicken Wehrmauern mit Schießscharten beeindrucken durch ihre Massivität, zahlreiche Verzweigungen und Nebenräume zeugen von der einstigen Ausdehnung des Tunnellabyrinths. Ein Besuch ist sehr zu empfehlen – großen Leuten sei aber geraten, gut auf ihren Kopf Acht zu geben, sofern sie nicht ein unangenehmes „Souvenir“ aus den niedrigen Gängen mitnehmen wollen!

 

 

 

 

 

Vorsicht Kopf! Die Wehrgänge der Festung Mareinebrg sind sehr niedrig (links)

 

Maschikuli: dieser vergitterten Öffnung verdankt der Maschikuli-Turm seinen Namen (rechts)

 

 

 

 

 

 

 

Maschikuli-Turm und Kasematte der Festung Marienberg

 

 

 

Text und Fotos: Charlotte Auth

 

ADHS-Hochburg Würzburg?

 

Rund 12 % der Jungen und 4% der Mädchen in Deutschland leiden laut neuen Statistiken an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Bundesweiter „Spitzenreiter“ soll Würzburg sein, wo dieses Krankheitsbild bei knapp 19% der Jungen und 8,8% der Mädchen diagnostiziert wurde. Zwar dürfte jeder, nicht zuletzt durch die ausgiebige Mediatisierung des „Zappelphilipp-Syndroms“, etwas mit dem Begriff ADHS anfangen können, aber was ist die „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ eigentlich genau? Ein Gespräch mit Dr. Uwe Hemminger, niedergelassener Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Würzburg.

 

Die Diagnose ADHS wird, gerade in Würzburg, bei immer mehr Kindern und Jugendlichen gestellt. Woran wird diese Störung festgemacht?

Die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, manchmal auch „hyperkinetisches Syndrom“ genannt, ist eine klinische Diagnose, das heißt es gibt kein Testverfahren, mit dem man, wie bei einem Blutwert, feststellen kann, ob die Erkrankung tatsächlich vorliegt. Stattdessen ist eine umfassende, multiaxiale (nicht eindimensionale) Diagnostik notwendig, um beurteilen zu können, ob das besondere Verhalten eines Kindes krankhaft ist und, wenn dies der Fall ist, ob es in der jeweiligen Ausprägung dann auch tatsächlich behandlungsbedürftig ist. Die Kernsymptome sind eine über das normale Maß hinausgehende motorische Unruhe, erhöhte Impulsivität, gestörte Aufmerksamkeit, nicht selten begleitet von „Lern- und Leistungsstörungen“, zum Beispiel Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörungen. Diese Symptome müssen nicht zwingend in gleich starker Ausprägung vorliegen. Dazu können „ko-morbide Störungen“ kommen, also Begleiterkrankungen wie Angsterkrankungen, depressive Erkrankungen und Störungen des Sozialverhaltens. Nach den gängigen Diagnosekriterien müssen die zentralen Symptome bereits vor dem sechsten Lebensjahr deutlich erkennbar sein, danach muss man an andere kinder- und jugendpsychiatrisch relevante Erkrankungen denken. Zu der umfassenden Beurteilung gehört immer auch eine körperlich-neurologische Untersuchung, die Überprüfung der allgemeinen intellektuellen Leistungsfähigkeit, der schulischen Fertigkeiten und der psychosozialen Anpassung. Die Diagnose wird dann gestellt, wenn das Kind durch die Störung im Alltag scheitert, schulische Probleme auftreten und das Kind die gesellschaftlichen Ansprüche und Erwartungen nicht erfüllen kann. Diese Kinder sind nicht selten sozial isoliert, werden nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen, häufig getadelt oder mit Schulverweisen bedroht.

 

ADHS wird in den Medien oft als „Modekrankheit“ dargestellt. Gab es ADHS auch früher?

Aus sehr frühen Beschreibungen wissen wir sehr genau, dass das motorisch unruhige, aufmerksamkeitsgestörte und impulsive Kind schon immer existiert hat – und zwar vermutlich in der gleichen Häufigkeit wie heute. Interessant ist auch, dass diese Krankheit weltweit betrachtet in allen Ländern in etwa gleich häufig auftritt.

 

Heutzutage sind Kinder steigendem Druck in der Schule ausgesetzt, haben weniger Freizeit und oftmals ein ungünstiges Freizeitverhalten. In wie weit beeinflussen derartige gesellschaftliche Phänomene das Auftreten bzw. die Diagnostizierung von ADHS?

Im Einzelfall ist es wichtig, gut zu klären, ob nicht schulische Überforderung, eine andere psychiatrische Erkrankung oder die tatsächlich erhöhten Ansprüche der Umwelt manche Fehldiagnose zustande kommen lassen. Überforderung ist eine der wichtigsten auszuschließenden Probleme, da chronische schulische Überforderung eine ganz ähnliche Symptomatik hervorrufen kann. Mildere Formen des „hyperkinetischen Syndroms“ können in Situationen, in denen die Kinder über ihre Fähigkeiten beansprucht werden, natürlich eher in Erscheinung treten. In einem schulischen Rahmen, der es ermöglicht, temperamentvolle Kinder mit leichten Schulleistungs- und Konzentrationsproblemen zu integrieren, würden sie womöglich gar nicht störend auffallen.

 

Die Störung ADHS ist, wie Sie gesagt haben, im Einzelfall nicht immer leicht festzustellen und kann ein Schock für die Eltern und ein Stigma für das Kind sein. Ist es sinnvoll, die Diagnose ADHS auch immer so zu benennen?

Meistens werden die Eltern für das Fehlverhalten der Kinder verantwortlich gemacht und die Schuld wird bei ihnen gesucht. Es kommen Vorwürfe wie „Das Kind ist schlecht erzogen“ oder „Kein Wunder, das ist eine alleinerziehende Mutter“ oder „Kein Wunder, die Eltern haben sich scheiden lassen“. Natürlich ist es einfach, gute Eltern zu sein, wenn man einfache Kinder hat. Wenn man schwierige Kinder hat, machen Eltern „erzieherische Fehler“, da sie mit ihrem normalen erzieherischen Wissen an ihre Grenzen kommen und es dann zu Überforderungssituationen kommt. Erzieherisch suboptimales Verhalten kann nicht die Ursache für ADHS sein. Wenn Eltern mitgeteilt bekommen, dass die Verhaltensbesonderheit ihres Kindes nicht durch erzieherisches Fehlverhalten verursacht ist, sondern das dem eine psychiatrisch und biologisch erklärbare Erkrankung zu Grunde liegt, fällt diesen Eltern häufig ein Stein vom Herzen, denn der Schuldbegriff fällt weg. Außerdem kann man sich auf der Grundlage einer vernünftigen Diagnostik dann sehr spezifische Fördermaßnahmen überlegen. Wir sind der festen Überzeugung, dass es wichtig ist, die Situation des verhaltensbesonderen Kindes als Erkrankung zu definieren, damit klar ist, dass das Kind nichts dafür kann und es nicht heißt, das Kind ist böse, das Kind ist gemein, das Kind ist schlecht erzogen. Die Diagnose gibt einen Erklärungsansatz, der auch immer Lösungs- und Hilfsmöglichkeiten aufzeigt. Sie soll nicht dazu dienen, Verhalten zu entschuldigen, in dem Sinne: „Ich kann halt nichts dafür und deswegen muss ich auch nichts ändern.“. Das Gegenteil ist der Fall, diese Kinder brauchen besonders viel Hilfe und Unterstützung.

 

Viele Kinder mit ADHS werden mit der nicht unumstrittenen Substanz Methylphenidat (Ritalin) behandelt. Welche weiteren, auch nicht-medikamentöse therapeutische Methoden gibt es?

Die Behandlung dieser Kinder muss immer multidimensional angelegt sein. Die medikamentöse Behandlung mit Stimulantien steht sehr in der Kritik der Öffentlichkeit, nicht zuletzt wegen den jüngsten Veröffentlichungen in der Presse, obwohl sie die am besten untersuchte Medikation im Kindes- und Jugendalter darstellt. Es ist richtig, dass diese Medikamente ADHS nicht heilen können, aber sie verbessern die Aufmerksamkeit und Konzentration des Kindes. Häufig wird durch das Medikament eine psychotherapeutische oder pädagogische Intervention überhaupt erst möglich. Die Medikation macht nicht abhängig, ist so gut wie nebenwirkungsfrei und kann dazu beitragen, den Schulausschluss oder das Zerbrechen von Familien zu verhindern. Ergänzend zu der medikamentösen Behandlung muss geklärt werden, welche individuellen Sorgen beim Kind behandelt werden müssen, dazu gehört oft auch ein Training sozialer Kompetenzen und der Erwerb von Lernstrategien zur Verbesserung der schulischen Leistungen. Die Behandlung erfolgt nach verhaltenstherapeutischen Gesichtspunkten und ist eng am Problem orientiert. Die Kinder lernen zum Beispiel Konflikte zu lösen, die Bedürfnisse anderer besser wahrzunehmen, sich weniger schnell angegriffen zu fühlen und ihre Impulsivität unter Kontrolle zu halten. Diese verhaltenstherapeutischen Methoden sind wissenschaftlich hervorragend untersucht und in ihrer Wirksamkeit belegt, wobei auch aus psychotherapeutischer Sicht gesagt werden muss, dass eine Kombination zwischen medikamentöser Behandlung und Verhaltenstherapie meist den besten Effekt zeigt. Wie sollten Alltag und Freizeit hyperaktiver Kinder idealerweise gestaltet werden? Kinder mit hyperkinetischer Störung oder ADHS profitieren sehr von einer Strukturierung des Alltags, das heißt einzelne Beschäftigungen müssen klar angekündigt und zeitlich begrenzt sein. Sportliche Betätigung hilft den meisten Kindern, ihre überschüssige motorische Energie auszuleben. Generell gilt für Kinder mit ADHS, wie für alle Kinder, dass eine deutliche Begrenzung der Beschäftigung mit den „neuen Medien“ sinnvoll ist. Das unkontrollierte Spielen von zum Beispiel gewaltverherrlichenden Computerspielen macht natürlich an sich keine erhöhte Gewaltbereitschaft, kann aber bei Kindern mit stärkerer aggressiver Veranlagung problematisches Verhalten fördern. Begleitend zu diesen eher ausagierenden sportlichen Tätigkeiten können Trainingsspiele zur Verbesserung von Konzentration und Aufmerksamkeit hilfreich sein. In sämtlichen Buchhandlungen kann man solche angeblich konzentrationsfördernden Spiele in der „ADHS-Ecke“ erwerben, deren Wirksamkeit jedoch nicht hinreichend untersucht ist. Gleichwohl ist eine gemeinsame Beschäftigung mit dem Kind zur Verbesserung von Aufmerksamkeit und Konzentration auch für die Stärkung der Beziehung in der Familie sinnvoll und ratsam.

 

Ein Problem ist sicherlich auch, dass es der Umwelt, zum Beispiel den Lehrern, Eltern oder Mitschülern schwerfällt, mit ADHS umzugehen. Was sollte ihnen geraten werden?

Es ist wichtig, dass die Umwelt über die Verhaltensbesonderheit aufgeklärt wird, um Missverständnisse zu vermeiden beziehungsweise zu minimieren. In der Schule sollten die Kinder ganz vorne sitzen, damit Blickkontakt zur Lehrkraft möglich ist. Es sollten nur wenige und kurze Anweisungen gegeben werden und Wettbewerbsspiele vermieden werden. Auch für die Eltern ist es sehr wichtig, eine erzieherische Beratung zu erhalten, in der Verhaltensweisen zur Erleichterung alltäglicher Situationen erlernt werden. In Elterntrainings üben die Eltern diese Strategien unter fachkundiger Anleitung und Videokontrolle ein, die Situationen werden dann von der Gruppe bewertet und gegebenenfalls korrigiert und sollen dann in den Alltag übertragen werden. Die Effizienz des Elterntrainings ist sehr gut untersucht und trägt zur Erhöhung der erzieherischen Kompetenz bei.

 

In unserer Klasse gab es damals einen Mitschüler, von dem jeder wusste, dass er ADHS hatte. Es fielen dann manchmal unschöne, kränkende Bemerkungen wie zum Beispiel: „Hat der heute mal wieder seine Tabletten nicht genommen?“. Ist es sinnvoll, dass auch die Mitschüler darüber informiert werden, wenn ein Klassenkamerad ADHS hat?

Ich bin der festen Überzeugung, dass man mit dem Problem einer psychiatrischen Erkrankung, von Einzelfällen abgesehen, sehr offen umgehen muss. Das heißt, die Umwelt muss informiert sein, um Fehlinterpretationen des Verhaltens des Betroffenen auszuschließen. Eine der wichtigsten Therapiewirkfaktoren, die wir kennen, ist die sogenannte „Klärung“, sprich, die Frage „Was ist eigentlich das Problem?“ und „Gibt es einen Namen dafür?“. Und wenn es einen Namen dafür gibt, gibt es in aller Regel auch Behandlungsmöglichkeiten, die ebenfalls transparent gemacht werden sollten.

 

Zum Schluss noch eine Frage zum Verlauf von ADHS. ADHS wird meistens mit Kindern verbunden, gibt es das auch bei Erwachsenen oder legt sich das irgendwann von selbst?

Bis vor 20 oder 30 Jahren hatte man angenommen, dass sich das ADHS in der Pubertät „auswächst“, mittlerweile weiß man aus entwicklungspsychopathologischen Studien, dass sich die Erkrankung mit dem Alter verändert: die motorische Unruhe geht meist zurück, aber die Impulsivität und die Aufmerksamkeitsstörung können in nicht wenigen Fällen bestehen bleiben, sodass Studien zeigen, dass auch Erwachsene noch an den Restsymptomen von ADHS leiden. Mittlerweile gibt es auch für Erwachsene wirksame Behandlungsstrategien und Stimulantien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Methylphenidat - ein häufig verschriebener Wirkstoff bei ADHS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Hemminger, Psychotherapeut, in seiner Praxis

 

 

 

Text und Fotos: Charlotte Auth

 

 

 
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